Leseprobe der Geschichte               von Quint und Josephine

 

Kapitel 1

 

Quint war gerade erst wieder ins Hauptquartier der Wächtervampire zurückgekommen und lief durch die langen Flure des uralten, aber perfekt renovierten Klostergebäudes zu seinem Quartier.

Er war einen Tag zu spät. Eigentlich hätte er schon gestern eintreffen und Johns Position als Sicherheitsbeauftragter des Hauptquartiers einnehmen sollen, doch die Mission hatte länger gedauert.

Er war als Wächter ausgesandt worden, um ein paar hundert Kilometer entfernt einen Gesetzlosen aufzuspüren, der seine Gier nach Blut nicht mehr zügeln konnte oder wollte und eine Spur von Leichen hinterlassen hatte.

Jeder Vampir, er selbst eingeschlossen, musste sich an die Gesetze des Tribunals halten.

Ihre Existenz musste um jeden Preis geheim bleiben.

Morde, auffällige Verbrechen oder ungelöschte Erinnerungen von Menschen, deren Blut sie zum Überleben getrunken hatten, brachte ihre ganze Art in Gefahr, denn die Menschen waren ihnen durch die modernen Waffen und die weltweite Vernetzung in diesem neuen Zeitalter nicht mehr unterlegen. Und wer sich nicht an die eisernen Regeln hielt, bekam es mit ihnen - den Wächtern - zu tun.

Auch dieses Mal war der Kampf bis zum Äußersten gegangen und das war Quint ganz recht.

Er wollte keine Gefangenen machen, sie verdienten den Tod.

Vor über zwei Jahrzehnten hatte eine Horde Gesetzloser seinen Bruder Samuel umgebracht – wobei eigentlich eine Frau die Schuld daran trug. Eine Frau, die seinem Bruder erst den Kopf verdreht und dann den Kopf gekostet hatte. Der tragisch Tod von Samuel hatte schließlich auch seinen Vater ins Grab gebracht und seine Mutter bis heute in tiefe Trauer gestürzt.

Sie waren eine glückliche Familie gewesen, Jahrhunderte lang. Aber eine einzige Frau hatte innerhalb kürzester Zeit seine ganze Familie zerstört.

Frauen gaben sich hilflos und schwach, aber sie hatten die Macht, Vampire in den Tod zu treiben.

Man durfte ihnen nicht trauen. Niemals.

Quint drehte sich im Gehen um.

Wieder einmal hatte er geglaubt, den Nachhall der Schritte und das ausgelassene Lachen seines Bruders zu hören.

Wieder einmal war es nur eine Täuschung, eine Erinnerung an fast vergessene, glückliche Tage.

Samuel war gestorben und mit ihm jedes Lachen und alle Unbeschwertheit.

Samuel, du fehlst mir. Es gibt keinen Tag, an dem ich dich nicht vermisse.

Quint atmete tief durch und marschierte weiter.

In seiner Wohnung angekommen, ließ er völlig erledigt seinen Seesack neben das Bett fallen.

Den Brief mit der wunderschön geschwungenen Handschrift, der auf dem Kopfkissen lag, warf er mit zusammengebissenen Zähnen in die Kiste unter seinem Bett – zu den vielen anderen seiner Mutter. Er würde ihn nicht öffnen, würde sie nicht anrufen und auch nicht besuchen.

Kurz nach dem Tod seines Bruders war er ausgezogen, weil er die Trauer seiner Eltern nicht mehr ertragen konnte, ebenso wenig wie die wehmütigen Geschichten über die schöne Zeit mit Samuel. Sein Vater hatte kaum noch gesprochen, sich ins Kellergewölbe der Villa zurückgezogen, und seine Mutter hatte ihn immer mit ihren verweinten Augen angesehen, so als ob er …

Für all das war er nicht hart genug gewesen.

Er zog nach England, in die Burg des Duke. Der Duke war das Oberhaupt des örtlichen Vampirclans sowie Vampirfürst aller Inseln, sowohl der irischen als auch der britischen und der Kanalinseln. Dort durchlief er eine harte Ausbildung.

Und hart hatte er auch werden wollen, hart genug, um den Schmerz nicht mehr zu spüren. Außerdem war er fest entschlossen gewesen, ein perfekter Kämpfer zu werden. Er würde nicht wie Samuel das Opfer von Gesetzlosen werden oder zulassen, dass diese Mörder noch jemand umbrachten, der ihm nahe stand. Nein, er würde sie jagen und zur Strecke bringen – jeden einzelnen.

Nach Jahren der Ausbildung war er zurückgekehrt und den Wächtern beigetreten.

Es würde seinen Bruder zwar nicht wieder lebendig machen, aber er hatte gehofft, es gäbe ihm wenigstens Genugtuung, alle mörderischen seiner Art ihrer gerechten Strafe – vorzugsweise dem Tod – zuzuführen.

Doch die Genugtuung war nie groß genug und der Schmerz wurde auch nicht weniger.

Sein Magen krampfte sich erneut zusammen. Seinen quälenden Hunger würde er dennoch ignorieren, ebenso wie sein Bedürfnis, sich wenigstens für eine Stunde auf’s Ohr zu legen. Nach drei durchwachten Tagen, dem Letzten davon in einem Abwasserkanal, sehnte er sich nach Schlaf, aber die Sicherheit des Hauptquartiers hatte Vorrang.

Vermutlich wollte ihn Agnus, sein Anführer, zuerst sehen, aber vorher würde er noch schnell das riesige, parkähnliche Außengelände des ehemaligen Klosters von innen und außen ablaufen.

In den vergangen Wochen hatten gleich zwei Blutfürsten - jene selbst ernannten Regenten der Gesetzlosen - versucht, das Hauptquartier mitsamt allen Wächtern dem Erdboden gleichzumachen. Dann hätte sie nämlich niemand mehr für ihr blutrünstiges Treiben, ihren Menschen- und Drogenhandel zur Rechenschaft ziehen können. Den Blutfürsten war jedes Mittel recht. Sie benutzten sogar menschliche Kriminelle als Handlanger bei Tageslicht. Sie hatten bereits die Frau ihres Wächters John auf dem Gewissen. Als wäre das nicht schlimm genug, hatten sie auch John und seine neue Frau, mit der er gerade in den Flitterwochen auf irgendeinem seiner Landsitze in Großbritannien oder Irland war, vor Kurzem entführt und gefoltert.

Nicht erst seit diesen Ereignissen galt für Quint: Sicher ist sicher. Und Sicherheit geht immer vor.

Wenn er jetzt auf Patrouille ging, würde er auch gleich Wildheart aus dem Gehege lassen, sein Pumaweibchen, das er mit der Flasche großgezogen hatte. Direkt im Anschluss würde er am Computer Johns Sicherheitscheck von diesem Landschaftsgärtner - Jo irgendwas – wiederholen und ihn, sowie sein Umfeld auch persönlich unter die Lupe nehmen.

Gegen Quints ausdrückliche Bedenken hatte Angus diesem Gärtner die Erlaubnis, das Grundstück ab morgen zu betreten.

Ein Mensch auf dem Gelände der Wächtervampire - dieses Risiko würde er mit allen Mitteln verhindern!

Er würde schon einen Grund finden, um seinen Anführer davon abzubringen.

Außer den menschlichen Gefährtinnen der Wächter und der Sirene Amalia, die ab und zu vorbeikam und seinem Anführer Agnus die Hölle heißmachte, war Walter der einzige Mensch, der auf dem Gelände wohnte und ihr Geheimnis kannte.

Und das sollte auch so bleiben!

Die Frauen, die gejammert hatten, das weitläufige Außengelände bräuchte dringend einen Gärtner, könnten ihm mal den Buckel herunterrutschen.

Gerade als er Wildheart aus dem Gehege ließ, hörte er die Stimme einer fremden Frau.

Ein Eindringling, kaum, dass er hier war!

In einer Geschwindigkeit, die nur Vampire erreichten und bei der sie vom menschlichen Auge kaum noch zu erfassen waren, rannte er los.

Das Bild, das sich ihm Sekunden später bot, ließ Adrenalin in sein Blut schießen und alte Wut hochkochen.

Eine Unbekannte richtete eine sonderbare Waffe mit Laserzielvorrichtung auf Rose‘ Oberkörper und hatte die fünfjährige Alice an sich gefesselt, die versuchte, sich mit aller Kraft von ihr zu befreien.

Das war ganz die Masche der Blutfürsten: ihre Frauen als Geiseln nehmen, sie foltern und mit den sicherheitsrelevanten Informationen anschließend die Wächter zu Fall bringen.

Die Fremde schien ihn nicht bemerkt zu haben und angesichts der eindeutigen Situation verschwendete er weder einen weiteren Gedanken noch den Bruchteil einer Sekunde.

Ohne seinen Lauf unterbrochen zu haben, stürmte er auf den Feind zu. Er riss die Frau mit einem gewaltigen Sprung und ihrem Gesicht voran zu Boden, während er gleichzeitig ihre Hand mitsamt der Waffe eisern umklammerte.

Sein Zorn verlangte danach, ihr sofort die Kehle durchzuschneiden. Ein letzter Funken Verstand bremste seine scharfe Klinge an ihrer Haut.

Erst befragen.

„Wer hat Sie geschickt?! Reden Sie!“

Die Frau antwortete nicht.

Dann würde er eben nachhelfen!

Um ihn herum war auf einmal Geschrei.

Noch mehr Adrenalin rauschte durch sein Blut.

Gab es weitere Eindringlinge?

Waren Rose oder Alice verletzt?

Oder war er wieder nicht schnell genug gewesen – so wie damals, bei seinem Bruder?

Die Frau, die er zwischen sich und den Boden eingequetscht hatte, regte sich nicht. Sie war durch den Aufprall wohl ohnmächtig geworden. Umso besser, dann stellte sie für den Augenblick wenigstens keine Gefahr dar und er konnte es wagen, seine Aufmerksamkeit kurz auf Rose und Alice zu richten.

Das kleine Mädchen zerrte in einer Mischung aus Wut und Angst mit ihren Händchen an seinem Arm, mit dem er das Messer hielt und Rose schrie ihn an.

Beide schienen unverletzt zu sein.

Niemand sonst war in der Nähe.

Was zum Henker war mit den beiden los?

Er versuchte seinen adrenalingetränkten Kampfmodus zu unterdrücken und sich auf die Worte der beiden zu konzentrieren, die in seinen empfindlichen Vampirohren als purer Lärm gellten.

„Tu ihr nicht weh!“, schrie die Kleine, „Tu ihr nicht weh! Sie ist meine Freundin!“

„Carajo! Quint! Steck um Himmels willen dein Messer ein und lass sie los! Das ist unsere neue Landschaftsgärtnerin!“

Was?

„Nein, erst morgen. Außerdem hat sie eine Waffe und ist eine Frau. Kommen sollte ein Mann mit Namen Joe.“

„Nicht morgen, heute, Quint! Du bist einen Tag zu spät. Ihr Name ist Jo, wie Josephine und von welcher Waffe redest du eigentlich?“

„Welche Waffe denn?“, fragte die Frau benommen, die sich nun unter ihm regte.

Er betrachtete das Ding mit der Laserzielvorrichtung.

„Was ist das?“

 

***

 

Als Jo zu sich kam, fühlte sie sich etwas benebelt, konnte kaum atmen, und ihr Brustkorb brannte wie Feuer.

Sie musste wohl ohnmächtig geworden sein, als etwas mit dem Gewicht eines Felsbrockens sie im Rücken getroffen und unter sich begraben hatte.

Ihre Hand befand sich in einer stählernen Schraubzwinge.

Felsbrocken? Schraubzwinge?

Nein, da stimmte etwas nicht.

Irgendjemand sprach von einer Waffe.

„Welche Waffe denn?“, fragte sie.

Jemand riss sie hoch auf die Beine, so schnell, dass ihr schwarz vor Augen wurde und sie umgekippt wäre, hätte sich nicht eine zweite Schraubzwinge um ihren Oberarm gelegt.

Ihr war immer noch ein wenig schwarz vor Augen, aber diese feuerroten Locken würde sie in jedem Zustand wiedererkennen.

Es lag ihr auf der Zunge, seinen Namen zu flüstern.

War er endlich zu ihr zurückgekehrt?

Sie streckte ihre freie Hand nach den vertrauen Locken aus.

Ehe sie sie erreichte, packte er so fest ihr Handgelenk, dass sie glaubte, es würde zersplittern.

Nein, das war nie und nimmer er!

Er hätte ihr nie wehgetan, war immer nur sanft und liebenswürdig gewesen, hatte sie nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern getröstet und ihr sein Geheimnis anvertraut.

Langsam wurde ihr Sichtfeld wieder schärfer.

Ja, tatsächlich, die Locken waren dieselben. Aber er hätte sie nie so verwahrlosen lassen.

Und das Gesicht passte auch nicht.

Harte Züge, aus denen ihr purer Hass entgegenschlug.

Sie schluckte und drängte die schmerzliche Enttäuschung zurück in den Winkel ihres Herzens, wo sie die Erinnerung an seine Liebe und sein Geheimnis für immer bewahren würde.

Bis heute fragte sie sich, ob er irgendwo lebte und verzweifelt versuchte, zu ihr zurückzukommen, oder ob er gestorben war. Sie hatte keine Erinnerung mehr an das letzte halbe Jahr mit ihm.

Genau 183 Tage, die wie ausradiert waren, oder besser gesagt: um die sie beraubt worden war.

 

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